Elementarweber – Kapitel 1

Mein Roman befindet sich noch in der Entstehung, entschuldige daher Rechtschreibfehler oder kleinere Unstimmigkeiten. Dennoch möchte ich Dir schon einmal Appetit machen und Dir Kapitel 1 als Leseprobe zur Verfügung stellen.

Falls Du bisher noch nicht von meinem Roman gehört hast und vorab wissen magst, worum es geht, lies gern die Zusammenfassung.

Viel Spaß!

Leben auf Neu-Eph – Verodos

Er konnte die Hinrichtungen längst nicht mehr zählen, die er schon hatte mitansehen müssen und dennoch nahm ihn jede davon mit wie die Erste. Bei eben dieser war er noch ein junger Elf gewesen und hatte gar nicht richtig verstanden, was geschah, bis sein Vater, König Arvos, das Richtschwert geschwungen hatte.

An diesem Tag war es eine junge Elfe gewesen, am Übergang zum Erwachsenenalter, deren unterdrückte Elementarverbindung aus ihr herausgebrochen war, als es einen Streit in der Familie gegeben hatte. Das Feuer, welches in ihr geschlummert hatte, hatte ihr Zuhause in Brand gesetzt. Sie war die einzige Überlebende und damit war sie im Grunde automatisch zum Tode verurteilt. So war es ein kurzer Prozess, in dessen Anschluss das Urteil sogleich vollstreckt wurde: Tod durch Enthauptung.

So schnell wie möglich verließ Verodos die Hauptkapelle, ging langsam die Stufen herab und stützte sich dabei an dem Geländer ab, das aus lebendem, ineinander verwobenen Holz bestand. Jeder Tod drehte ihm den Magen um, der an solchen Tagen ohnehin meist leer blieb. So erschöpften ihn die Stufen, an deren Ende sich eine lichtdurchflutete Halle öffnete. Langsam schritt er hindurch, über den weichen, moosigen Boden. Das offene Dach, aus der gleichen Pflanze wie das Geländer der Treppe, ließ die mittäglichen Sonnenstrahlen auf seine blasse Haut fallen, doch deren Wärme fühlte er nicht. Schließlich bog Verodos in den Gang, der zu seinem Gemach führte. Es war still ohne seiner Segenspartnerin und ihrer Tochter, denen diese Hinrichtungen glücklicherweise erspart blieben. Er mochte gar nicht daran denken, wenn seine Kleine das Alter erreichte, in dem sich das ändern würde.

Sein Bett war einladend, als er daran vorbeilief, doch er hatte Angst vor seinen Gedanken, die ihn noch stärker einnehmen würden, wenn er sich hier alleine ausruhen würde. Vor den Erinnerungen an den Prozess mit den Anschuldigungen an die junge Feuergeborene, die ihren Tod für eine angeborene Gabe gefunden hatte, die sie nicht hatte haben dürfen. Dabei konnte sie rein gar nichts dafür. 

Genau wie der Prinz selbst. Sein Element jedoch war die Erde, von sich aus ruhig und stabil, dadurch nur schwer zu einem Ausbruch zu bringen, der ihn verraten hätte. Außerdem lehrte eine Vertraute seines Vaters ihn, wie er eine stabile und damit kontrollierte Verbindung zu seinem Element pflegen konnte.

Verodos trat am Bett vorbei, hinaus auf den Balkon, stützte seine Unterarme auf das hölzerne Geländer. Die glatte Rinde war größtenteils mit Moos überzogen und polsterte seine Arme gegen den harten Untergrund ab. Er ließ den Kopf hängen und lauschte dem Wind, der die Blätter zum Rascheln brachte, die den ganzen Palast bedeckten. So glich das Geräusch einem wohligen Konzert, dass noch durch Vogelgesang untermalt wurde. Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel mit wenigen Wolken und dennoch fühlte er nur Schwere in ich.

Irgendwann blickte er vom Balkon herab und beobachtete das Treiben der Palaststadt. Drei Elfen trugen Körbe voll Elementarsteinen von den Werkstätten zum Weltraumhafen. Ihr wertvollstes Handelsgut. Nur sein Volk war in der Lage dazu, Steine mit Elementarmagie anzureichern und diese somit anderen Völkern zur Verfügung zu stellen. Der äußere Hafen, an dem die Handelsschiffe landeten, war nicht weit vom Palast entfernt, doch vom Balkon aus war er nicht zu sehen. Bäume, Büsche und Sträucher standen überall. So dicht und groß, dass kaum Nachbargebäude auszumachen waren. Verodos spürte die Energie um sich herum. Sein Element, das nicht nur in der fruchtbaren Erde selbst, sondern auch in sämtlicher Vegetation steckte. Sie gab ihm Kraft, eine gewisse Sicherheit und glich damit ein Stück weit aus, dass seine körperliche Statur alles andere als das vermittelte.

Es klopfte. Das Geräusch drang schwach an seine Ohren, woraufhin er sich aufrichtete, den Balkon hinter sich ließ.

Nicht jeder Elf konnte eine Verbindung zu seinem Geburtselement herstellen und damit auf dessen Fähigkeiten zugreifen. Wer es konnte, musste es verbergen, denn die eigene Elementarverbindung zu nutzen, war verboten. Dennoch basierte alles auf dieser Welt auf dieser Magie. Elfen konnten nicht nur Steinen, sondern auch anderen Objekten Elementarmagie zuweisen. Dabei erfüllte jedes Element eine andere Funktion. Auch Kombinationen waren möglich. Für die Türen im Palast fand Elementarmagie der Erde Verwendung.

„Herein“, sagte er und die Holztür zu seinem Gemach öffnete sich wie von selbst.

Priesterin Nissha trat herein, deutete eine Verbeugung an und die Tür schloss sich wieder. Ihr prächtiges Gewand schimmerte in Blau- und Türkistönen – passend zu ihrem Element, dessen Symbol groß im unteren drittel in aufwändiger Stickerei aufgebracht war. Es zeigte einen einfachen Wirbel, gestützt von einer gebogenen Linie. Das Symbol des Wassers. Die Priester waren die einzigen Mitglieder seines Volkes, denen es erlaubt war, ihre Elementarverbindung zu nutzen und sie sollten dieses Privileg mit ihrer Kleidung zur Schau tragen. Ja, es war sogar Voraussetzung, das Geburtselement zu beherrschen, um Priester zu werden, denn mit diesen Fähigkeiten sollten dafür sorgen, das den Glaubensregeln Folge geleistet wurde. Es wurden jedoch nur Elfen zu Priestern ausgebildet, die schon im Kleinkindalter Elementarmagie nutzen konnten, da ihr Geist noch besonders formbar war. Bevor sie schließlich die Weihe erhielten, mussten sie mehrere Prüfungen überstehen, die ihren Glauben auf die Probe stellten. Die, die scheiterten, wurden hingerichtet.

Als Nissha sich aus ihrer Verneigung aufrichtete, schwangen die Ketten ihres priesterlichen Ohrschmucks, die beide Ohren vom Ohrläppchen bis zur Spitze zierten.

„Mein Prinz. Wie fühlt Ihr Euch?“

Verodos verzog die Lippen und ein mitfühlender Ausdruck trat auf Nisshas Gesicht. Als Wassergeborene hätte sie einfach in seinen Geist blicken können, doch sie hatte gelobt, es nicht zu tun und der Prinz vertraute ihr. In diesem Fall war es ohnehin nicht nötig. Sie wusste um den vergangenen Prozess und sie wusste, wie sehr ihn jeder davon mitnahm.

„Wenn Ihr mögt … die Kapelle am See ist bis zum Nachmittag frei.“

Bei diesen Worten durchströmte den Prinzen tiefe Erleichterung. Die Meditation mit dieser Priesterin half ihm nicht nur, seine Elementarverbindung im Gleichgewicht zu halten und damit zu verbergen, sondern auch seine Gedanken. Natürlich meditierte er auch alleine, aber an so einem Tag war es leichter, wenn sie ihn anleitete.

Nachdem er sich verhüllt hatte, traten sie durch den Gang zurück in die lichtdurchflutete Halle. Sein Blick glitt durch den Schleier die Treppe hinauf, zur schmuckvollen Tür der Hauptkapelle, in der wahrscheinlich noch Reinigungsarbeiten durchgeführt wurden. Er schluckte, wandte der Kappelle den Rücken zu und trat mit Nissha an seiner Seite die Treppe zur Empfangshalle hinunter. Am Fuß der Treppe standen stets sechs Elfen der Königsgarde in grün-bronzener Rüstung mit Hellebarden. Fremde besuchten diese Welt nur selten. Zumeist nur, um Handel zu treiben. Es war ihr eigenes Volk, vor denen diese Wachleute das Königshaus schützen sollten. Viele wünschten dem König den Tod, genau wie dem Prinzen. So war Verodos dazu verdammt, den Großteil seines Lebens im Palast zu verbringen und sich zu verhüllen, wenn er ihn doch einmal verließ. Einer der Gardisten begleitete Nissha und ihn ohne Aufforderung, wie sie es aufgetragen bekommen hatten. Im Grunde waren auch die Priester in Gefahr, doch sie konnten sich schützen, indem sie ihre Elementarmagie einsetzten.

Gardisten waren zum Schweigen verpflichtet und durften, was sie hörten und sahen, nicht nach Außen tragen. Diesmal jedoch schwiegen Nissha und Verodos ohnehin auf ihrem Weg zur Kapelle am See. Vor dem Eingang des Palastes führten auf beiden Seiten gebogene Treppen zum Vorplatz, auf dem eine Statue der Göttin stand. Zwischen ihren zarten Händen, deren Handflächen zueinander zeigten, während die untere vor ihrem Unterleib und die obere vor ihrer Brust positioniert war, leuchteten die vier Elemente: Eine blaue Kugel für das Wasser, eine lilafarbene für die Luft, eine rote für das Feuer sowie eine grüne Kugel für die Erde. Nur die Göttin hatte die Macht, alle Elemente zu vereinen und es so ausgewählten Paaren zu ermöglichen, Nachwuchs zu bekommen. Ohne die zugehörige Zeremonie war neues Leben unter den Elfen unmöglich. Der Hohepriester Jenon wiederum war der einzige, der Kontakt zur Göttin hatte und sie um diesen Segen bitten konnte. Deshalb war eine Statue von ihm in kniender Haltung vor der der Göttin platziert. Als einer der oberen Priester besaß er filigrane Tätowierungen auf seinem Gesicht, die auch auf seiner Statur eingearbeitet waren.

Ihr Weg führte sie weitere Treppen hinab. Die Luft hier wurde deutlich kühler, das Licht wurde schwächer, denn die hohen Bäume ließen nur noch wenige Sonnenstrahlen bis zur tiefsten Ebene dieses Ortes dringen. Dem Prinzen stieg der Geruch von feuchter Erde in die Nase und als er nach nach Nissha die letzte Stufe genommen hatte, versagten ihm einen Augenblick die Beine. Der Leibwächter hinter ihm stützte ihn gerade noch rechtzeitig, bevor er zu Boden gehen konnte. „Mein Prinz.“

„Danke …“, brachte er schwach hervor und Nissha trat näher, betrachtete ihn. 

„Habt Ihr etwas gegessen?“

Verodos schüttelte den Kopf und die Priesterin atmete hörbar ein. „Verzeiht, mein Prinz, ich wünschte, Ihr müsstet den Vollstreckungen nicht beiwohnen.“

„Das wünschte ich ebenso.“ Damit richtete er sich wieder auf, bedankte sich erneut bei dem Gardisten, wobei sich ihre Blicke durch seinen Schleier kreuzten. Seine Augen waren von einem tiefen Rotbraun, die ihn als Feuergeborenen verrieten. Sie waren alles, das die Rüstung von dem Elfen darunter preisgab und sie schienen Verodos’ Blick einen Herzschlag lang festzuhalten. Dann schlug der Leibwächter die Augen nieder, ließ ihn los und der Prinz wandte sich der Priesterin zu, die ihn einen Augenblick musterte. „Geht es wieder?“

Er nickte. „Ich denke, heute machen mir der Temperaturunterschied und die feuchte Luft hier unten etwas zu schaffen. Aber ich gewöhne mich dran.“

Nissha unterschied sich von den übrigen Priestern schon darin, dass sie Verodos’ Befinden überhaupt interessierte. Sie war vielleicht die Einzige auf dieser Welt, der der Prinz vertrauen konnte. Neben seiner Partnerin und dem König war sie jedenfalls die Einzige, die von seiner Elementarverbindung wusste.

Schließlich erreichten sie den See, auf der die Kapelle zu schwimmen schien. Ein kurzer Steg verband sie mit dem Ufer. Es war ein kleiner, achtkantiger Raum, den Priester für Meditationen nutzten. Es gab mehrerer solcher Kapellen, von der jede besonders auf ein Element ausgerichtet war. Diese natürlich auf das Wasser, doch sie eignete sich durch die Umgebung auch sehr gut für Erdgeborene wie den Prinzen. 

Die Leibwache blieb am Steg am Ufer zurück, während Nissha und Verodos den scheinbar schwimmenden Raum betraten. Wie alle anderen Gebäude auf Neu-Eph hatten erdgeborene Priester ihn aus lebenden Pflanzen geformt. Dieser bestand aus einer Baumart, die sich an Ufern von Seen am wohlsten fühlte. Der Kokobaum liebte es, mit Wurzeln und Stamm im Wasser zu stehen und bildete im Frühling prächtige Blüten, die über den Sommer hinweg große Früchte bildeten. Die Kokofrucht war süß und nahrhaft. Zudem ließ sie sich an kühlen Orten über einen kompletten Sonnenzyklus hinweg lagern. So war es nicht verwunderlich, dass in dieser Kapelle stets ein Korb mit diesen Früchten zu finden war. 

Nissha half ihm aus seinem Schleier, lächelte ihn besorgt an. Dabei strich sie ihm eine der langen schwarzen Strähnen aus dem Gesicht, steckte sie ihm hinter das Ohr, dessen Spitze mit dem Segensschmuck geschmückt war, der ihn und seine Partnerin Luvia verband. Dann reichte sie ihm eine Kokofrucht. „Esst wenigstens etwas davon.“

Der Prinz nahm die Frucht mit glatter, orangefarbener Haut dankend an und teilte sie in zwei Hälften, nachdem er sich auf eines der flachen Kissen auf dem Boden gesetzt hatte. Das samtige Fruchtfleisch war in viele mundgerechte Segmente unterteilt, von denen jedes mit einer dünnen Haut überzogen war, die zwar recht hart wirkte, im Mund aber zerging wie Zucker. 

Verodos schaffte ein paar Bissen, legte den Rest zurück auf den Altar und nahm einen der Becher, die Nissha währenddessen mit Trinkwasser aus dem großen Krug gefüllt hatte, der neben der Obstschale stand.

Schließlich stellte Nissha mit nur einer Handbewegung die Uhr über dem Altar ein, die mit Wasserenergie durchflutet war. Dann ließen sie sich gemeinsam auf den Meditationskissen nieder und de Priesterin forderte ihn wie immer auf, zu Beginn zwei, drei tiefe und bewusste Atemzüge zu nehmen.

„Gut“, sagte sie sanft. „Nun nehmt Eure Handhaltung ein und nehmt zuerst die Unterlage wahr, auf der wir sitzen.“

Sie meinte die spezielle Handhaltung, die dem Energiefluss des jeweiligen Elementes entsprach. In Verodos’ Fall legte er seine Hände mit den Handflächen nach oben gerichtet ineinander locker in seinen Schoß. Nisshas Handhaltung unterschied sich von seiner nur darin, dass sie Daumen und Zeigefinger der oberen Hand einander berühren ließen.

Trotz der aufwühlenden Ereignisse, dauerte es dank der Anleitung der Priestern nicht lange, bis Verodos die Energie aus der Erde, aus der Vegetation um ihn herum wahrnahm und sie ihn durchströmte. Er stellte sich vor, wie sie die Anspannung in seinem Körper mit sich nahm, als sie in einem scheinbar unendlichen Strom durch seinen Körper und dann zurück in die Erde floss.

Als nach einer Weile der sanfte Gong der Wasseruhr ertönte und Verodos langsam die Augen öffnete, fühlte er sich befreiter, klarer. Doch er wusste bereits, dass dieses Gefühl nicht von Dauer sein würde und sogleich kam eine gewisse Schwere zurück.

„Wie kommt Ihr auf Euren Reisen voran?“

Die Priesterin seufzte. „Das größte Problem ist nach wie vor, dass ich so vorsichtig vorgehen muss. Dennoch ist mir kürzlich ein Gerücht zu Ohren gekommen, dass es auf Neu-Varys oder Teya eine Bibliothek unserer Vorfahren geben soll.“

„Das ist ein Fortschritt.“

Nissha nickte. „Auf Neu-Varys war ich bereits. Ein kleiner Planet. Die Hitze dort war kaum zu ertragen und dazu war die Reise erfolglos.“

Verodos senkte den Blick auf seine dünnen Hände in seinem Schoß. Sie lagen noch mit den Handflächen nach oben übereinander, auf dem grün schimmernden Stoff seines Gewandes. Er ballte sie zu Fäusten und wünschte, er könnte selbst etwas tun, doch er stand unter ständiger Beobachtung. Dabei ging es ihm nicht nur um sein Leben, sondern auch um das seiner Tochter. Meredith hatte gerade ihre sechste Sonnenwende gefeiert und er wollte für sie da sein. Sie schützen, wo er konnte. „Wisst Ihr, wie sich Meredith macht?“

„Ihr sorgt Euch wegen Ihrer Verbindung.“

Der Prinz nickte. „Seit sie im Unterricht ist, habe ich immer öfter das Gefühl, sie kann auf ihr Element zugreifen. Haben ihre Lehrer etwas zu Euch gesagt?“

„Bisher nicht.“ In einer eleganten Bewegung, erstaunlich geschmeidig mit dem ausladenden Priestergewand, kam sie zum Stehen und betrachtete Verodos mit einem sanften Ausdruck auf dem Gesicht.

„Ich sage Ihr jeden Abend, dass sie es niemandem zeigen darf außer ihrer Mutter und mir.“

„Das ist gut.“

Wenn Meredith eine Verbindung entwickelte und es einer der anderen Priester bemerkte, wäre das entweder ihr Tod oder sie würde selbst zu einer Priesterin. Noch war sie jung genug, dass dieser Weg für sie gewählt werden konnte. Doch das musste um jeden Preis verhindert werden. Sie sollte ihren Geist frei entfalten können. Den wenigsten Priestern gelang es, während und nach ihrer Ausbildung eigene Gedanken zu behalten. Nissha war eine der wenigen.

Bevor er zu tief in seine Gedanken sinken konnte, reichte die Priesterin ihm ihre Hand. Sie sahen sich an und Nisshas Lächeln beruhigte ihn ein wenig. Er ließ sich dankbar von ihr hoch helfen und kurz drehte sich alles in seinem Kopf, als er stand. Der Priesterin entging das nicht. Eindringlich sah sie ihn an. „Euer Element dient Euch gut, mein Prinz, doch das wird nicht ewig so weiter gehen können. Ich bitte Euch: Esst. Auch an anderen Tagen ist es zu wenig.“

Verodos verzog die Lippen. Dann spürte er, wie Nissha beide seiner Oberarme fester griff, um seinen Blick einzufangen. „Gebt die Hoffnung nicht auf. Wir werden einen Weg finden, dies zu beenden.“

–––

An Tagen, an denen Verodos nicht gezwungen war, Prozessen oder Zeremonien beizuwohnen, verbrachte er viel Zeit im Palastgarten. Eine Fläche, die so groß war, das kein Elf bei entspanntem Gang alle Wege an einem Tag abgehen hätte können. 

Wenn er nicht gerade die Stille suchte, war sein liebster Bereich der Trainingsplatz der Garde. Einer der Kämpfer hatte an diesem Tag seine Tochter dabei, der er in einer ruhigen Ecke die Grundlagen des Schwertkampfs beibrachte. Verodos musste lächeln, als er die Szene beobachtete. Die Augen der Kleinen waren aufmerksam auf den Vater gerichtet, der ihr wohl gerade die Bedeutung eines sicheren Standes erklärte und sie nachmachte, was er ihr zeigte. Verodos setzte sich auf eine der Bänke. Wenn er in den Palastgarten ging, war nur eine Wache bei ihm. An diesem Tag war es eine Elfenfrau. Sie blieb hinter seiner Bank stehen und war nicht zu bemerken, so reglos stand sie dort. Keiner der Leibwächter unterhielt sich mit ihm. Es war ihnen nicht gestattet, mehr zu sagen als das, was nötig war. Die Gardisten, de Leibwächter der Königsfamilie werden wollten, hatten ähnlich strenge Prüfungen zu bestehen wie die Priester. Allerdings ging es bei ihren Prüfungen nicht in erster Linie um die Stärke ihres Glaubens, sondern darum, dass sie unter allen Umständen stillschweigen bewahren konnten. Verodos hatte gar nicht wissen wollen, wie solche Prüfungen abliefen.

Wenn er die geschmeidigen Bewegungen beobachtete, die die Männer und Frauen mit Schwertern, Dolchen und Lanzen vollführten, konnte Verodos seine Gedanken loslassen. Ähnlich wie bei der stillen Meditation mit Nissha, erfüllte es sein Innerstes mit Freude, die kunstvollen Bewegungen zu sehen. Wie ein Tanz, eine einstudierte Choreografie, schwangen die Gardisten ihre Waffen, um sich gemeinsam aufzuwärmen, bevor sie zu den eigentlichen Trainingskämpfen übergingen. 

Es war später Nachmittag, als nur noch vereinzelte Kämpfe ausgetragen wurden. Dabei fiel Verodos einer der Männer besonders ins Auge, der sich mit Sai Gabeln gegen zwei andere behauptete: Eine Gardistin mit Lanze und einem Schwertkämpfer. Letzteren besiegte er, kurz nachdem der Prinz auf die kleine Gruppe aufmerksam geworden war. Die Lanzenkämpferin konnte sich noch etwas länger gegen ihn behaupten. Voller Anspannung verfolgte Verodos den Kampf, beobachtete, wie der Mann den schnellen Hieben der Frau widerstand leistete. Sie war schneller als er, dafür war er kräftiger und blockte ihre Stöße mit seinen beiden Waffen ab. Schließlich gelang es ihm sie während einem dieser Blöcke zu entwaffnen. Schwer atmend sank sie auf die Knie und lachte. „Beim nächsten Mal erwische ich Dich.“

Der Mann lachte ebenfalls. „Wenn Du das sagst, Janna.“

Vom Kampf ebenfalls erschöpft ging er langsam auf sie zu, half ihr auf die Beine und sie gingen gemeinsam zu den Steintischen an der Schmalseite des Trainingsplatzes. Dort standen mehrere wassergefüllte Krüge, ausreichend Becher sowie Körbe mit allerlei Gebäck, Obst- und Gemüsestücken. Die Kämpfer legten ihre Trainingswaffen ab. Nur die Gürtel mit ihren Dolchen behielten sie bei sich. Jeder Gardist bekam zum Antritt einen speziellen Dolch. Jeder davon war einmalig und extra für den Kämpfer hergestellt: Mit Elementarsteinen verziert und einer Gravur aus Initial und Elementarsymbol.

Verodos stand auf, gesellte sich dicht gefolgt von seiner Leibwache zu den Kämpfern, die er zuletzt beobachtet hatte. Dazu nahm er sich, wie sie, eine der kleinen Schalen, um langsam, Stück für Stück, von den Speisen hinein zu füllen, während er ihrem Gespräch lauschte. 

„Du musst vorsichtiger sein, Lier“, sagte sie leise, als er ihr einen Becher Wasser reichte. 

Er winkte ab. „Keiner sieht, was in mir ist. Von außen betrachtet bin ich eben einfach gut.“

„Du vergisst, dass einige der Priester Gedanken lesen können.“

Lier lachte. „Ich bin doch gar nicht wichtig genug für die Priester, als dass sie sich die Mühe machen würden …“ Als er nach einer der Schalen griff, bemerkte er den Prinzen und hielt in seiner Bewegung inne. Diese Augen kannte Verodos. Es waren dieselben, die ihn auf dem Weg zur Kapelle am See angesehen hatten.

„Mein Prinz“, sagte Lier und verbeugte sich. 

Janna drehte sich um und sah ihn aus erschrockenen blauen Augen an. Dann beeilte sie sich, eine Verbeugung anzudeuten. „Verzeiht, wir wussten nicht, dass Ihr hier seid.“

Verodos verzog die Lippen. Er hasste, dass niemand in seiner Gegenwart natürlich bleiben konnte, doch er gab diesen Gardisten nicht die Schuld dafür. Sie bekamen es so beigebracht, wie jeder andere auf dieser Welt.

Die beiden tauschten einen Blick, wobei der von Janna eindringlich, warnend war. Lier verzog die Lippen, griff dann nach einer Schale, um sie mit Gebäck und Früchten zu füllen. Der Prinz beobachtete ihn dabei. Der Feuergeborene war einen halben Kopf größer als er selbst und wirkte damit und mit seiner kräftigen Statur beeindruckend auf ihn. Sein dunkles, lockiges Haar trug er locker nach hinten gekämmt.

„Ich habe Euren Kampf sehr genossen“, sagte der Prinz schließlich.

„Habt vielen Dank“, entgegneten sie und die Wassergeborene entfernte sich nach einer weiteren Verbeugung. Als sie bemerkte, dass Lier stehen blieb, hielt sie inne.

„Ich habe schon oft bemerkt, wie Ihr unser Training beobachtet, mein Prinz“, sagte der Gardist und Verodos blickte ihn überrascht an. 

„Lier“, sagte Janna, doch er wandte sich ihr kaum zu. Schließlich machte sie eine wegwerfende Handbewegung und ging.

„Werdet Ihr auch im Kampf ausgebildet?“

Der Prinz schüttelte leicht den Kopf, betrachtete den Feuergeborenen vor sich und trotz des Schleiers schienen dessen Augen die seinen wieder festzuhalten. Diesmal konnte Verodos sehen, dass dabei ein sanftes Lächeln auf dem ebenmäßigem Gesicht lag. Bei dem Anblick wurde ihm merkwürdig warm. Er schluckte und zwang sich, seinen Blick von ihm zu lösen.

„Ihr solltet mit ihr gehen“, warnte der Prinz, woraufhin er im Augenwinkel sah, wie Lier seinen Blick auf die gut gefüllte Schale in seiner Hand senkte. 

„Sollte ich“, stimmte er zu, blieb aber stehen und Verodos sah ihm wieder ins Gesicht. Lier neigte den Kopf. „Wenn Ihr mir noch eine Frage beantwortet, überlege ich es mir.“

Der Prinz unterdrückte ein Keuchen, musterte den Gardisten mit verengten Augen. Er schien genau zu wissen, in was für eine Gefahr er sich begab, weil sie miteinander sprachen. Warum ging er dieses Risiko ein?

Lier hob das Kinn und grinste. „Sagt mir, was ist es, das Euch so oft herzieht.“ Nachdem er das gesagt hatte, schob er sich ein Stück Kokofrucht in den Mund und der Prinz musste lächeln.

„Die Kämpfe zu beobachten, hilft mir bei der Zerstreuung“, antwortete er schließlich.

Der Gardist gab ein nachdenkliches Geräusch von sich. „Die Prozesse belasten Euch.“

Das Mitgefühl in seiner Stimme berührte ihn, doch er wollte diesen Elfen nicht länger in Gefahr bringen. So stellte er seine unangetastete Schale ab, wünschte ihm einen guten Tag und trat an ihm vorbei.

„Wartet.“

Verodos schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug, ohne sich umzudrehen.

„Möchtet Ihr selbst lernen, wie man kämpft?“

Er stutzte, blieb weiter an Ort und Stelle stehen. Dafür trat Lier langsam neben ihn. „Wenn Ihr mögt, zeige ich es Euch.“

Daraufhin wandte er sein Gesicht dem Gardisten zu. Noch immer lag ein Lächeln auf dessen Lippen.

„Ihr solltet Euch besser an die Regeln halten“, sagte Verodos schließlich und entfernte sich von ihm. Er spürte noch, als er den Palast betrat, wie sein Herz in seiner Brust wie wild klopfte. Außer seiner Familie und Nissha sprach niemand so mit ihm und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Er wollte niemanden in Gefahr bringen.

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Der Abend war grau. Dennoch war der Speisesaal von einem warmen Licht erfüllt, das von den beiden über dem großen Tisch schwebenden Feuerkugeln ausging. Diese warm leuchtenden Kugeln waren mit Luft- und Feuermagie angereicherte Steine. Auf der Tafel selbst standen mehrere Halter, über denen kleine Varianten davon schwebten. Das Licht spendete nicht nur Helligkeit sondern kitzelte ebenso mit angenehmer Wärme auf der Haut. Für einen Moment schloss er die Augen und genoss das angenehme Gefühl. Irgendwann bemerkte er den Blick seiner Partnerin Luvia auf sich, die neben ihm saß und wandte ihr das Gesicht zu. Der Ohrschmuck, der ihre spitzen Ohren zierte und sie als Paar kennzeichnete, spiegelte das Licht in sanften Orange- und Gelbtönen. Die Farbtöne mischten sich mit dem Grün, in dem die Schmucksteine von sich aus sanft leuchteten. Sie neigte den Kopf betrachtete ihn aus ihren blass lilafarbenen Augen. „Ist alles in Ordnung?“

Verodos nickte, als ihm einer der vier Bediensteten seinen Becher mit frischem Wasser füllte. Die anderen deckten die Tafel mit verschiedenen Speisen: Duftende Getreidekörner, zartes Gemüse und saftiges Fleisch – alles in unterschiedlichen Variationen auf kleine Portionen verteilt.

König Arvos saß ihnen wie jeden Abend gegenüber und wie jeden Abend sah er müde aus. Doch etwas schien ihn mehr zu bekümmern als sonst. Unter dem Königsdiadem, geformt aus den Ästen des Eph-Baums, der auch die Basis des Palastes bildete, erkannte Verodos tiefe Sorgenfalten. In das Diadem waren vor allem kleine Feuersteine eingearbeitet, am prominentesten aber war der halbtransparente Stein auf seiner Stirn: Wasserblau mit weißer Maserung. Er sollte den Geist seines Trägers vor dem Zugriff Wassergeborener schützen. Nur der König bekam so einen Stein und obwohl Verodos den Tag fürchtete, an dem ihm so eine Krone aufgesetzt werden würde, beneidete er seinen Vater zumindest um diesen Stein. Der König brauchte sich keine Gedanken darüber machen, welche Bilder und Gedanken er in seinem Kopf hatte. Ob ein wassergeborener Priester in der Nähe war oder nicht. 

Über den Tisch hinweg konnte er nicht verstehen, was er und Nissha miteinander sprachen, während sie ihre Köpfe zusammensteckten. So sehr er auch versuchte, sich auf das Gesprochene zu konzentrieren. Die Priesterin war nicht jeden Abend bei Ihnen, aber wenn es etwas zu besprechen gab.

Die Tür zum Speisesaal öffnete sich.

„Vater!“

Der klang von Merediths Stimme brachte Verodos unweigerlich zu einem Lächeln und kaum hatte er sich seiner Tochter auf seinem Stuhl zugewandt, schmiss sie sich schon auf seinen Schoß. Amüsiert stöhnte er auf und umarmte sie. „Was ist denn mit Dir los?“

Seine Tochter erwiderte den Druck seiner Umarmung, dann löste sie sich ein Stück weit von ihm. „Ich habe heute etwas über die Zeremonie gelernt. Sie sagen, ich bin ein Geschenk der Göttin. Stimmt das?“

Der Prinz lächelte sie an und nickte. „Ja, natürlich. Das sind wir alle.“

Daraufhin wurden ihre Augen noch größer, genau wie das Strahlen auf ihrem Gesicht. „Kann ich sie sehen?“

„Wen?“

„Die Göttin, Vater! Hast Du sie mal gesehen?“

„Ja, das weißt Du doch.“ Er sah sie an und Meredith sah erwartungsvoll aus. Er strich ihr eine der dunklen Strähnen aus dem Gesicht. Ihr Haar war rabenschwarz, genau wie sein eigenes und das seines Vaters.

„Du wirst sie eines Tages auch sehen.“

„Wann denn, Vater?“

Er wich ihrem erwartungsvollen Blick aus und verstummte. Sie würde die Göttin das erste Mal sehen, wenn sie den Segen erhielt. Jedes Mal, wenn Verodos an diesen Tag dachte, bekam er Angst davor. Denn aussuchen können würde auch sie als Prinzessin sich weder ihren Partner, noch den Zeitpunkt und nur der Tod könnte eine Verbindung wieder lösen. Selbst, wenn einer dem anderen Partner Leid zufügte. Genau wie über jeden anderen Elfen würde über sie entschieden werden: Welcher Arbeit sie nachgehen würde, mit wem sie sich die meiste Zeit umgab, ob und welchen Partner sie haben würde …

„Vater?“

Der Prinz schüttelte sich und lächelte sie an. „Das dauert noch ein bisschen.“

Darauf machte sie einen Schmollmund, löste sich von ihm und ging zu ihrer Mutter. Luvia schmunzelte über ihre kindliche Enttäuschung. „Na komm her, Liebes. Setz Dich.“

Sie half Meredith auf den Stuhl neben sich. Als Verodos seinen Blick wieder nach vorn wandte, sah er, wie sein Vater die Szene beobachtete und milde lächelte. Er liebte seine Familie über alles. Wahrscheinlich auch deshalb, weil er ein so wichtiges Mitglied bereits hatte gehen sehen müssen. Königin Eliyana, Verodos’ Mutter, hatte der Prinz nie kennen gelernt, denn sie war bei seiner Geburt gestorben.

Beim Essen wurde nicht viel gesprochen. Nissha kündigte an, dass sie ein paar Tage fort sein würde, um Teya zu erkunden. Wie gerne hätte Verodos sie begleitet, doch selbst der König durfte den Planeten nicht verlassen. Nur Priestern war es hin und wieder erlaubt, zu reisen. In Nisshas Fall lautete ihr von den Oberen erteilter Auftrag, die Bibliothek zu zerstören, sollte sie sie finden. Glücklicherweise vertrauten sie ihr und sie konnte sich aussuchen, ob und wer sie begleitete.

Der Prinz erinnerte sich an ihr Gespräch in der Kapelle am See, in dem sie von den sterbenden Planeten sprach, auf denen vielleicht altes Wissen zu finden war. Wissen, das auf Neu-Eph nie existiert hatte oder vernichtet wurde. Vielleicht existierte diese Bibliothek nicht einmal, doch auf der Suche nach dem alten Wissen ruhte ihre ganze Hoffnung. Auch der Prinz war überzeugt davon, dass sein Volk nicht schon immer in diesem Gefängnis gelebt haben konnte, das sie ihre Heimat nannten. 

Er wünschte sich Freiheit. Für sich und sein Volk. Elfen waren zwar mit ewigem Leben gesegnet, wenn es nicht durch äußere Umstände beendet wurde, doch dafür waren sie abhängig vom Segen der Göttin. Nur sie konnte neues Leben ermöglichen und ohne sie würde sein Volk über kurz oder lang aussterben. Es hieß, sie gewährt diesen Segen nur, wenn sie zufrieden war und dafür galt es Regeln einzuhalten, auf deren Beachtung die Priester penibel achteten. Zu diesen Regeln zählte auch, den Segen anzunehmen, ob gewollt oder nicht und weder davor noch danach eine Beziehung mit einem anderen Elfen einzugehen.

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Nachdem Luvia und Verodos ihre Tochter ins Bett gebracht hatten und in ihr Gemach gegangen waren, trat der Prinz raus aus dem Balkon. Der Himmel klarte wieder auf, doch die letzten Strahlen der Sonne wurden bereits von der Nacht verschluckt und gaben den Himmel für die Sterne frei. Er legte seine Hände aufs moosbewachsene Geländer und betrachtete die kräftiger werdenden Lichtpunkte. Der Anblick erfüllte ihn mit Sehnsucht.

„Was, wenn Nissha erfolg hat und auf Teya das Wissen findet, nachdem sie sucht?“ Luvia trat in dem violett schimmernden Nachtgewand neben ihn, legte ihre zarten Hände auf das Geländer. „Würde uns das wirklich helfen?“

Verodos musterte sie einen Moment. Das warme Licht der Feuerkugeln im Inneren strahlte sie hier draußen schwach an. Ihr perlmuttfarbenes Haar umrahmte in sanften Wellen ihr Gesicht, in dem ihre Brauen fragend nach oben gezogen waren. Der Prinz ließ den Kopf hängen, schüttelte ihn und seufzte. „Ich weiß es nicht … noch wichtiger, als das Wissen zu finden, wird jedenfalls sein, es anzuwenden. Was auch immer das sein wird.“

Eine Weile schwiegen sie, beobachteten gemeinsam die Sterne und die vereinzelten Sternschnuppen, die beinahe jede Nacht zu sehen waren.

„Du hast heute mehr gegessen als sonst“, stellte Luvia irgendwann heraus. Sie wandte sich ihm zu und er überlegte kurz. Dann nickte er. „Es hat heute besser geschmeckt als sonst.“

„Hat es das?“

Sie sahen sich an. Ein nicht richtig deutbares Lächeln trat auf ihr Gesicht, wobei sie eine Hand auf seinen Unterarm legte, ihn sanft drückte. „Mir wird kalt. Ich lege mich schon hin.“

Er nickte, sah ihr kurz im Augenwinkel nach und beobachtete noch eine ganze Weile die in unterschiedlichen Nuancen von Weiß, Blau und Rot leuchtenden Punkte über ihm.

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Dein Leben gehört ihr. Sie spricht durch den Hohepriester. Sein Wort ist ihr Wort. So höre: Dein Leben gehört Ihr. Erweise Dich dankbar, denn das ist alles, was sie für das Geschenk des Lebens von Dir erwartet. Diene ihr in jedem Lebensbereich. Folge ihren Geboten, indem Du Deine Dir zugeteilte Aufgabe erfüllst. Sage allem anderen ab. Nimm ihren Segen an, sobald er Dir zuteil wird. So lange Du ihr dankbar bist, schenkt sie Dir Leben. So lange Du ihr dankbar bist, schenkt sie Deinen Kindern leben.

Verodos’ Morgen war erfüllt von diesen Worten. Beinahe jeden Tag fanden Zeremonien zur Stärkung seines Glaubens statt. Dafür sollte er mit einer Gruppe von Priestern aus dem Segensbuch vorlesen und anschließend durch das Aussagen von Affirmationen im Gebet festigen.

Mein Leben gehört ihr. Ich bin dankbar. Ich folge ihrem Wort. Ich diene ihr und meinem Volk.

Nach einem solchen Vormittag fühlte er sich erschöpft und das er sich so fühlte, erfüllte ihn mit Schuld. Er sollte dankbar sein, wie es von ihm erwartet wurde. Doch all diese Worte fühlten sich an wie Glieder einer Kette, die sich täglich enger um ihn schnürte.

Es zog ihn in den Schlossgarten. Wie immer folgte ihm stillschweigend eine Wache. Diese hatte blassgraue Augen. Ein Luftgeborener wie seine Frau. Der Trainingsplatz war leer, als er sich zur Mittagszeit auf die Bank setzte. Er sollte etwas essen, doch es ging nicht. Allein bei dem Gedanken daran krampfte sich sein Magen zusammen und er beugte sich vor, stütze die Ellenbogen auf seine Oberschenkel. Die Knochen stachen spitz in sein mageres Fleisch. Er ignorierte den Schmerz, der Dumpf durch seine Muskeln zog und schlug die Hände vors Gesicht. Einen Moment blieb er so. Jeder Atemzug ein Kampf gegen sich selbst. Ich bin dankbar. Ich folge ihrem Wort.

Ein Signal ertönte und der Prinz richtete sich auf, blickte in Richtung des Königshafens, der sich auf einer der oberen Ebenen des Palastes befand. Ein Schiff verließ den Planeten. Vermutlich war es Nissha, die zu ihrer Erkundung aufbrach. 

Die anderen Priester wussten nicht, was sie wirklich vorhatte. Glücklicherweise konnte Nissha diese Aufgabe für sich gewinnen. Verodos betete, dass sie Erfolg haben würde und hielt bei dem Gedanken gleich die Luft an. Die Worte des Gebetes drangen durch seinen Kopf und er schüttelte sich. 

Noch lange blickte der Prinz auf die Stelle am Himmel, an der das Schiff aus seinem Blickfeld verschwunden war. Bis sich nähernde Stimmen und Schritte seine Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Die ersten Mitglieder der Garde trafen ein. Darunter Hauptmann Henvyk. Ein pflichtbewusster Elf, der deshalb manchmal gnadenlos wirkte. Er war völlig anders als sein Vorgänger Bordor, der herzlich war und sich immer Zeit für eine Unterhaltung mit dem König genommen hatte. Der Prinz erinnerte sich daran, dass er und sein Vater sich nahe gestanden hatten. Bis es zu dem Prozess kam, in dessen Anschluss Hauptmann Bordor für den Mord an seinem eigenen Sohn bei lebendigem Leib verbrannt wurde. 

Der Prinz konnte nicht begreifen, wie dieser herzliche Elf seinen Sohn hatte töten können und er hatte es nicht glauben wollen, bis seine Frau in dem Prozess die Tat bestätigt hatte. Die Hinrichtung war schrecklich. Die Schreie, der beißende Geruch von verbranntem Fleisch und Haar. Die meisten Todesurteile konnte sein Vater mit einer Enthauptung schnell hinter sich bringen, doch der Mord eines Elfen, dem erklärten Besitz der Göttin, verlangte diese qualvolle Strafe. Dagegen war auch der König machtlos.

Es kamen weitere Gardisten an ihm vorbei. Männer und Frauen und bald sah er auch die rotbraunen Augen. Lier lächelte, als sich ihre Blicke kreuzten und nickte ihm zu, bevor er sich an seine Position begab und Hauptmann Henvyk sie zum Aufwärmen anleitete. Sie vollführten ihre Choreografie, die wiedermal ein Genuss fürs Auge war. Verodos bemerkte gar nicht, dass ihm das Atmen bald leichter fiel, das sein Geist stiller wurde und er sich irgendwann zurücklehnte und das Schauspiel entspannt beobachtete. Erst, als es vorbei war und Hauptmann Henvyks Stimme über den Platz hallte, die seinen Körper wieder verspannen ließ, bemerkte er den Unterschied.

„König Arvos!“

Die Gardisten strafften sich, wandten sich in die Richtung, in die ihr Hauptmann sich wandte, legten beinahe Zeitgleich ihre geballten Fäuste auf die Brust und blieben reglos stehen. Verodos drehte sich um, folgte ihren Blicken. Sein Vater blieb einige Schritte entfernt von ihm stehen und hob die Hand als Zeichen der Anerkennung und dass sich die Gruppe wieder rühren konnte.

Während sich Gegnerpaare zusammenfanden, ließ der König sich auf der Bank neben seinem Sohn nieder. „Du warst nicht beim Essen.“

Verodos schwieg. Seine Augen suchten Lier und fanden ihn schließlich im eins zu eins Schwertkampf mit einem Gardisten, dessen Namen dem Prinzen nicht bekannt war.

„Verodos.“

Sie sahen sich an. Die feuerrote Iris ließ den Blick seines Vaters stets eindringlicher Wirken, als er vermutlich sonst gewesen wäre. Seine Gesichtszüge waren sanft und voller bedauern. „Es sind viele junge Elfen in letzter Zeit …“

Verodos ließ den Kopf sinken. Er hatte nie außerordentlich viel gegessen, doch dass es in den letzten Wochen immer weniger wurde, war seinem Vater natürlich nicht entgangen. Als der Prinz schließlich nickte, hörte er, wie sein Vater einen tiefen Atemzug nahm.

„Es ist zum Wohle unseres Volkes. Damit der Rest Leben kann. Konzentriere Dich darauf.“

Dem Glauben zu folgen war schon sein halbes Leben ein stetiger Kampf mit und vor allem gegen sich selbst. Er wusste, dass er diesen nicht gewinnen können würde. Allein seine Zweifel zu äußern, hätte ihn ihn in Lebensgefahr gebracht.

„Du musst essen. In diesem Zustand … vielleicht wird es zu offensichtlich, dass Dein Körper diese tiefe Verbindung hat.“ Der König griff nach seinem Arm. „Du bist mein Sohn, Verodos. Ich will Dich nicht …“

Er wagte es nicht, die Worte auszusprechen und er brauchte es auch gar nicht. Sein Vater ließ seinen Arm wieder los. Einen tiefen Atemzug nehmend richtete er sich auf. „Wir dürfen uns nicht zu sehr auf das verlassen, was Nissha vielleicht findet. Und wir müssen unsere Positionen nutzen, um die Schäden mit aller Macht in Grenzen zu halten.“

Nach den Worten verließ sein Vater ihn, ging zum Hauptmann, der ihn schließlich in einem Gespräch vertieft zurück in den Palast begleitete. Das Training ging ohne ihn weiter und der Prinz ließ seine Augen über die Kämpfer wandern, bis er erneut an Lier hängen blieb. Verodos musste zugeben, dass sein Angebot ihn verlockte. Ob dieser Elf es damit ernst gemeint hatte?

Diesmal war es ein Kampf Schwert gegen Schwert. Beide trugen eine ärmellose Rüstung und in der nachmittäglichen Sonne glänzten Liers Arme von dem Schweiß, der sich auf seiner Haut gebildet hatte. Darunter spielten seine Muskeln mit jedem Hieb und jedem Block. Sein Gegner schien bald langsamer zu werden. Verodos beobachtete, wie Lier ihn immer weiter zurückdränge und spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Dann schlug der Feuergeborene seinem Gegner die Waffe aus der Hand und der Kampf war beendet. Sie umarmten sich kurz, gingen zusammen zu dem Tisch mit den Speisen und Getränken und nahmen sich einen Becher Wasser, stießen an und wechselten noch ein paar Worte, bevor sie auseinander gingen. Lier überflog den Platz und als sich sein Blick mit denen des Prinzen kreuzte, kam der Gardist zu ihm herüber.

„Mein Prinz.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Sucht ihr wieder Zerstreuung?“ 

Verodos’ konnte sich gegen das Lächeln, das sich darauf auf seinem Gesicht ausbreiten wollte, nicht wehren. Er senkte den Kopf, um es zu verbergen, obwohl sein Schleier allein diese Aufgabe bereits erfüllte.

Dann blickte Verodos wieder auf. „Habt Ihr vergessen, dass Ihr Euch in Gefahr begebt, wenn Ihr mit mir sprecht?“

„Nein, dessen bin ich mir bewusst.“ Lier reckte das Kinn, fasste an den dunkeln Griff seines Dolches, der in der Scheide an seinem Gürtel hing. Der rote Feuerstein am Knauf funkelte im Licht der Nachmittagssonne.

„Warum tut Ihr es dann?“

Der Gardist lockerte seine Haltung und beugte sich zu ihm herunter. Er sprach leise. „Weil ich glaube, dass Ihr ähnliche Gedanken und Empfindungen habt, wie ich.“

Verodos stutzte und ihre Blicke trafen sich. Seine rotbraunen Augen funkelten ihn an und es war dem Prinzen abermals unmöglich, ihnen auszuweichen. Dann richtete Lier sich wieder auf. Was meinte er damit?

„Beim letzten Mal habt Ihr Eure Schale nicht angerührt … möchtet Ihr jetzt etwas essen?“

Der Prinz blinzelte. Dann kam er zu dem Schluss, dass es weniger auffällig war, sich beim Befüllen der Schalen auszutauschen, als an dieser Bank. Er musste stets damit rechnen, dass Priester ihn beobachteten, auch, wenn in diesem Moment keiner zu sehen war. Also nickte er und stand auf. Die Wache folgte ihnen schweigend zu den wie immer reichlich gedeckten Tischen und während sie langsam ihre Schalen füllten, fragte der Prinz: „Das Angebot mit dem Training … habt Ihr das ernst gemeint?“

Lier sah ihn an. Dann lachte er. „Aber natürlich.“

„Wie stellt Ihr Euch das vor?“

Er wandte seinen Blick wieder auf die Speisen. „Auf diesem Platz geht es natürlich nicht. Aber es gibt Orte auf dieser Welt, die die Priester nicht überwachen.“

„Wie könnt Ihr Euch da so sicher sein?“

Der Gardist lächelte hörbar. „Ich habe dort bereits Dinge getan, die mich längst den Kopf gekostet hätten, wenn nur ein Priester davon wüsste.“

Darauf konnte der Prinz ihn nur anstarren, während er seinen Herzschlag bis zum Hals spürte. Schon darüber zu sprechen löste ein Kribbeln in seinem Bauch aus, das er nicht ignorieren konnte.

„Lasst Ihr mich Euch diese Orte zeigen?“

Vor Aufregung schwer atmend blickte Verodos in die Schale in seiner Hand. Die kräftig pinken Hijubeeren bildeten einen harten Kontrast zur hellen Kokofrucht und dem einzigen kleinen Gebäckstück, das er sich genommen hatte. Dann sah er auf und konnte selbst nicht glauben, das er tat, was er dann tat: Er nickte.



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